Von Martin Schirmer, Psychologe M.Sc. · Zuletzt aktualisiert am 10. Oktober 2026
Rund 50 Stunden. So viel gemeinsame Zeit braucht es laut einer Studie des Kommunikationswissenschaftlers Jeffrey Hall, bis aus einem Fremden ein lockerer Freund wird. Für eine enge Freundschaft sind es über 200. Das erklärt ziemlich gut, warum so viele schwule Männer zwar Kontakte haben, aber niemanden, den sie am Samstag einfach anrufen können. Ein paar Chats und zwei nette Dates kommen an diese Zahl nicht mal annähernd heran.
Dieses Gefühl begegnet mir im Coaching oft, gerade bei Männern, die eigentlich wegen der Partnersuche kommen. Meine Erfahrung ist: Wer schwule Freunde hat, sucht entspannter. Er hat Leute, die ihn kennen, ihn mal mitnehmen und ihm ehrlich sagen, wenn er sich verrennt.
Freunde sind deshalb keine Nebensache. Sie sind oft der Anfang von allem anderen.
Warum Freundschaften unter schwulen Männern schwierig sein können
Als Kind findest du Freunde fast nebenbei. Du sitzt jeden Tag mit denselben Leuten in der Klasse, und irgendwann seid ihr befreundet. Als Erwachsener fällt dieser Rahmen weg. Bei schwulen Männern kommen ein paar Dinge dazu, die es nicht leichter machen.
- Die Szene ist auf Dating gebaut. Apps, Bars, Partys: Die meisten Orte, an denen du andere schwule Männer triffst, sind Orte zum Flirten. Wer dort Freundschaft sucht, wird oft missverstanden.
- Unklare Signale. Wenn dich ein Mann zum Kaffee einlädt, ist nicht sofort klar, ob das ein Date ist. Diese Unsicherheit lässt viele lieber gar nicht fragen.
- Kein gemeinsamer Anfang. Wer sich erst mit 25, 35 oder 45 geoutet hat, hatte keine schwulen Freunde aus der Schulzeit. Der Freundeskreis von früher ist meistens heterosexuell.
- Umzüge. Viele ziehen für Studium, Job oder ein offeneres Umfeld in größere Städte und fangen dort bei null an.
Dass das kein Einzelgefühl ist, zeigen Daten des DIW Berlin: 15 Prozent der LGBTQI*-Menschen in Deutschland fehlt sehr oft Gesellschaft. Bei heterosexuellen Menschen sind es etwa halb so viele.
Das alles heißt nicht, dass es schwer bleiben muss. Es heißt nur, dass Freundschaft nicht von allein passiert und du sie ein bisschen bewusster angehen musst als früher.
Wo Freundschaften entstehen
Eine der ältesten Erkenntnisse der Sozialpsychologie stammt aus einer Wohnsiedlung für Studierende. Leon Festinger und seine Kollegen haben 1950 beobachtet, dass sich die Bewohner vor allem mit denen anfreundeten, an deren Tür sie täglich vorbeiliefen. Nicht die Sympathie auf den ersten Blick war entscheidend, sondern wie oft sie sich über den Weg liefen.
Das gilt bis heute. Du brauchst Orte, an denen du dieselben Menschen immer wieder siehst, und das ohne den Druck, dass es gleich um etwas gehen muss. Zum Beispiel:
- Queere Sportgruppen: Laufen, Volleyball, Schwimmen, Klettern. Gemeinsam etwas tun ist für viele Männer leichter als gemeinsam reden.
- Chöre: In vielen Städten gibt es schwule oder queere Männerchöre. Wöchentliche Proben, oft ein Bier danach.
- Stammtische und Gesprächsgruppen: Eine Übersicht findest du unter Gruppen für queere Männer. Wenn dein Coming-out noch frisch ist, sind Coming-out-Gruppen ein guter Einstieg.
- Ehrenamt: CSD-Vorbereitung, Aidshilfe, queere Jugend- oder Seniorenarbeit. Du lernst Leute kennen und tust nebenbei etwas Sinnvolles.
- Der CSD selbst: Fußgruppen und Vereine suchen jedes Jahr Helfer. Die Termine stehen in der Übersicht der CSD-Termine.
Weitere Orte jenseits von Apps sammelt der Artikel Schwule im Alltag kennenlernen. Wenn dir schon der erste Abend in einer neuen Gruppe schwerfällt, lies vorher Komfortzone verlassen.
Vom Bekannten zum Freund
Zurück zu den Stunden vom Anfang. Jeffrey Hall hat dafür Erwachsene nach einem Umzug und Studienanfänger über mehrere Wochen befragt. Seine Schätzung: etwa 40 bis 60 Stunden für eine lockere Freundschaft, 80 bis 100 Stunden für eine richtige und mehr als 200 für eine enge. Zeit, die man nur bei der Arbeit nebeneinander verbringt, zählte dabei deutlich weniger als Zeit, die man freiwillig miteinander verbringt.
Das klingt viel. Rechne es aber mal um: Wenn ihr euch jede Woche zwei Stunden beim Training seht und danach noch etwas trinken geht, seid ihr nach einem halben Jahr bei rund 60 Stunden. Freundschaft ist also vor allem eine Frage der Regelmäßigkeit.
Der zweite Punkt ist unbequemer: Irgendwer muss einladen. Viele warten darauf, dass der andere den ersten Schritt macht. Der andere wartet auch. So bleiben zwei Männer, die sich gut verstehen, jahrelang Bekannte.
Freundschaft oder Flirt?
Das ist die Frage, die unter schwulen Männern fast immer mitläuft. Und manchmal ist beides da. Du findest ihn attraktiv, er dich vielleicht auch, und trotzdem passt es eher als Freundschaft.
Ich rate zu früher Klarheit. Ein Satz reicht: „Ich bin gerade auf der Suche nach Leuten, mit denen ich Zeit verbringen kann, ganz ohne Dating.“ Das nimmt beiden den Druck. Wenn er sich mehr erhofft hat, weiß er es jetzt und kann entscheiden. Wenn du selbst merkst, dass du mehr willst, sprich es an, statt die Freundschaft als Warteraum zu benutzen.
Unsicher, ob da mehr ist? Die Signale beschreibe ich unter Steht er auf mich?. Und falls es mal schiefgeht: Ein Kuss, der nicht hätte sein müssen, ist nicht automatisch das Ende einer Freundschaft. Redet danach darüber.
Freunde finden ab 30 und ab 40
Mit jedem Jahrzehnt wird es etwas schwieriger. Die Leute haben Partner, Jobs, Kinder, feste Gewohnheiten. Gleichzeitig verändert sich viel: Beziehungen gehen auseinander, Menschen ziehen um, Kinder werden groß. Du bist also nicht der Einzige, der sucht, auch wenn es sich so anfühlt.
Ab 40 lohnen sich Orte, an denen Alter keine Rolle spielt: Chöre, Wandergruppen, Ehrenamt, Gesprächskreise. Wenn du dein Coming-out erst spät hattest, bist du dort oft in guter Gesellschaft. Dazu passt mein Artikel Spätes Coming-out: Mit 40 oder 50 noch mal neu anfangen, und Ideen für Orte ohne Szene findest du unter Männer kennenlernen ab 40, ohne Apps.
Wenn du dich gerade sehr allein fühlst
Manche, die diesen Artikel lesen, suchen nicht einfach ein paar neue Kontakte. Sie sind seit langer Zeit einsam, und das zieht alles andere mit runter. Wenn das auf dich zutrifft, ist ein Freundeskreis das langfristige Ziel. Kurzfristig solltest du aber nicht allein damit bleiben. Rede mit jemandem, dem du vertraust, oder hol dir Unterstützung, zum Beispiel bei einer queeren Beratungsstelle oder in einer Psychotherapie.
Freunde sind kein Ersatz für einen Partner, aber oft der Weg dahin
Manche Männer sehen Freundschaft als Trostpreis, solange es mit der Beziehung nicht klappt. Ich sehe das andersherum. Ein guter Freundeskreis macht dich ruhiger beim Daten, weil nicht alles an einem Mann hängt. Er bringt dich an Orte und zu Leuten, die du allein nie kennengelernt hättest. Und er bleibt, egal wie das nächste Date ausgeht.
Fang klein an: Such dir diese Woche eine Gruppe aus, geh zweimal hin und lade beim zweiten Mal jemanden auf einen Kaffee ein. Mehr braucht es für den Anfang nicht.
Wenn du lieber mit anderen Männern an diesen Themen arbeitest als allein, schau dir die Live-Coachings an. Dort triffst du Männer, die an genau denselben Fragen hängen wie du.
Weiterlesen: Ansprechangst überwinden und Er sucht ihn für eine echte Beziehung.
Häufige Fragen
Wo finde ich schwule Freunde in meiner Stadt?
Dort, wo dieselben Männer regelmäßig zusammenkommen: queere Sportvereine, Chöre, Stammtische, Gesprächsgruppen, Ehrenamt rund um CSD oder Aidshilfe. Bars und Apps sind für Freundschaft weniger geeignet, weil dort meistens Dating im Vordergrund steht. Eine Suche nach „queer“ plus deiner Stadt und einem Hobby bringt oft schon Treffer.
Wie lange dauert es, bis aus einem Bekannten ein Freund wird?
Länger, als die meisten denken. Nach Schätzungen des Kommunikationswissenschaftlers Jeffrey Hall braucht eine lockere Freundschaft etwa 40 bis 60 gemeinsame Stunden, eine enge über 200. Wer sich jede Woche sieht, kommt dort in einigen Monaten an. Wer sich alle zwei Monate trifft, braucht Jahre.
Kann ich mit einem schwulen Mann befreundet sein, ohne dass es um Sex geht?
Ja, natürlich. Anziehung kann trotzdem mal mitschwingen, das muss nichts kaputtmachen. Sag früh, was du suchst. Dann müsst ihr nicht bei jedem Treffen rätseln, ob es ein Date ist.
Kann ich Dating-Apps nutzen, um Freunde zu finden?
Ja, aber mit Einschränkungen. In vielen Apps kannst du angeben, dass du Freundschaft suchst. Die meisten Nutzer sind trotzdem wegen Dates oder Sex dort. Schreib deshalb klar ins Profil, was du suchst, und schlag für das erste Treffen etwas mit Programm vor, zum Beispiel eine Ausstellung oder einen Stammtisch.
Ich bin über 40 und habe keine schwulen Freunde. Ist das zu spät?
Nein. Es dauert nur etwas länger und braucht mehr Initiative. Viele Männer in deinem Alter sind in derselben Lage, gerade nach einem späten Coming-out oder einer Trennung. Chöre, Wandergruppen und Gesprächskreise sind gute Orte, weil dort das Alter keine Rolle spielt.
Quellen
Festinger, L., Schachter, S., & Back, K. (1950). Social pressures in informal groups: A study of human factors in housing. Harper.
Hall, J. A. (2019). How many hours does it take to make a friend? Journal of Social and Personal Relationships, 36(4), 1278–1296. https://doi.org/10.1177/0265407518761225
Kasprowski, D., Fischer, M., Chen, X., de Vries, L., Kroh, M., Kühne, S., Richter, D., & Zindel, Z. (2021). Geringere Chancen auf ein gesundes Leben für LGBTQI*-Menschen. DIW Wochenbericht, 88(6), 79–88. diw.de
Mehr zum Thema: Im Ratgeber Männer kennenlernen findest du alle Artikel zur schwulen Partnersuche.


