Was war der Paragraf 175?
Der Paragraf 175 ist bis heute ein geflügeltes Wort. Früher sprach man von 175ern und meinte damit schwule Männer, die nach dieser Vorschrift verurteilt worden waren.
Beschlossen wurde der Paragraf am 15. Mai 1871 mit dem Reichsstrafgesetzbuch, in Kraft trat er am 1. Januar 1872. Für homosexuelle Männer in Deutschland hatte das schwerwiegende Folgen.
Bestraft wurde die „widernatürliche Unzucht“ zwischen Männern mit bis zu fünf Jahren Gefängnis, dazu konnte der Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte kommen.
Schwule Männer wurden dadurch systematisch verfolgt, viele mussten sich vor Gericht verantworten und landeten im Gefängnis. Die Nationalsozialisten verschärften die Vorschrift 1935 massiv: Nun genügte schon ein Blick oder eine Berührung, der neue Paragraf 175a sah bis zu zehn Jahre Zuchthaus vor. Rund 50.000 Männer wurden in dieser Zeit verurteilt, tausende kamen in Konzentrationslager, wo sie den rosa Winkel tragen mussten. Die Bundesrepublik übernahm die verschärfte NS-Fassung unverändert. Bis 1969 wurden noch einmal rund 50.000 Männer verurteilt. Der Paragraf galt auch nach dem zweiten Weltkrieg weiter. Erst 1969 setzte unter der Großen Koalition eine Liberalisierung ein, 1973 lockerte die sozialliberale Regierung Brandt die Bestimmungen weiter.
Ab 1969 war Sex zwischen Männern über 21 Jahren straffrei, ab 1973 lag die Grenze bei 18 Jahren. Für heterosexuelle Paare galten dagegen 14 Jahre. Männliche Prostitution blieb verboten.

Wann wurde der Paragraf 175 abgeschafft?
Bis zur vollständigen Abschaffung dauerte es noch einmal 25 Jahre. Am 11. Juni 1994 war es so weit: Der Paragraf 175 wurde im Zuge der deutschen Vereinigung gestrichen, denn in der DDR war Sex zwischen Männern bereits seit 1968 straffrei und seit 1988 vollständig gleichgestellt. Die schwarz-gelbe Koalition unter Kanzler Kohl beendete damit ein Kapitel, das 122 Jahre gedauert hatte.
2017 beschloss die schwarz-rote Koalition, alle Urteile nach Paragraf 175 aufzuheben. Betroffene können seitdem eine Entschädigung beantragen, 3.000 Euro pro Urteil und weitere 1.500 Euro für jedes angefangene Jahr Haft. Für viele kam die Rehabilitierung zu spät, ein wichtiger Schritt war sie dennoch.
Das hat auch das gesellschaftliche Klima stark zum Positiven verändert. Mittlerweile ist es sexuellen und auch geschlechtlichen Minderheiten viel eher möglich, offen über ihre sexuelle Orientierung zu sprechen und sich nicht mehr vor Diskriminierung fürchten zu müssen. Daher gibt es mittlerweile immer mehr geoutete schwule Politiker. Auch im Sport outen sich immer mehr Menschen.
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