Von Martin Schirmer, Psychologe M.Sc. · Zuletzt aktualisiert am 10. Oktober 2026
„Einsam sind nur die, die nicht rausgehen.“ So oder ähnlich denken viele, auch über sich selbst. Wer einsam ist, schämt sich oft dafür, als hätte er etwas falsch gemacht.
Das stimmt aber nicht. Viele Männer, die einsam sind, haben einen Job, gehen zum Sport und treffen gelegentlich Bekannte. Trotzdem fehlt ihnen etwas: Menschen, die wirklich nah sind. Jemand, den sie spontan anrufen können, wenn der Tag schlecht war. Einsamkeit misst sich nicht an der Zahl der Kontakte, sondern an der Nähe.
Einsam ist nicht dasselbe wie allein
Allein sein kann sehr angenehm sein. Ein Abend mit einem Buch, ein Wochenende ohne Termine. Einsamkeit ist etwas anderes: das Gefühl, dass die Verbindung zu anderen nicht ausreicht. Man kann mitten in einer vollen Bar einsam sein und allein auf dem Sofa zufrieden.
Diese Unterscheidung ist wichtig, weil sie zeigt, wo du ansetzen kannst. Mehr Termine helfen nicht unbedingt. Mehr Nähe schon.
Warum schwule Männer ab 40 häufiger betroffen sind
Queere Menschen fühlen sich in Deutschland deutlich häufiger einsam als der Rest der Bevölkerung. Laut Daten des DIW Berlin fehlt 15 Prozent der LGBTQI*-Menschen sehr oft Gesellschaft, bei heterosexuellen cis Menschen sind es etwa halb so viele. Ab 40 kommen ein paar Gründe dazu:
- Der Freundeskreis verändert sich. Heterosexuelle Freunde haben oft Kinder, schwule Freunde sind in Beziehungen oder weggezogen.
- Die Szene wird jünger. Viele Orte, an denen man früher Leute getroffen hat, fühlen sich nicht mehr passend an.
- Weniger Familiennetz. Wer keine eigenen Kinder hat oder ein schwieriges Verhältnis zur Herkunftsfamilie, hat weniger selbstverständliche Kontakte.
- Nach einer Trennung. Wenn der Partner weg ist, fehlt oft auch das gemeinsame Umfeld.
Der Verein BISS, die Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren, weist schon länger darauf hin, dass gerade ältere schwule Männer ein hohes Risiko haben, sozial isoliert zu werden. Das Thema betrifft also viele, und es ist kein persönliches Versagen.
Was Einsamkeit mit dem Dating macht
Einsamkeit und Partnersuche beeinflussen sich gegenseitig, und zwar oft ungünstig. Wer sehr einsam ist, legt auf jedes Date ein enormes Gewicht. Der andere soll dann mehr sein als ein netter Mann: Er soll die Lücke füllen. Das spürt er, und es setzt beide unter Druck.
Dazu kommt: Wer einsam ist, hat weniger Menschen, die ihn auf Ideen bringen, ihn mitnehmen oder ihm ehrlich sagen, wenn er sich verrennt. Deshalb ist mein Rat oft, zuerst am Freundeskreis zu arbeiten und dann an der Partnersuche. Wie das geht, beschreibe ich ausführlich in Schwule Freunde finden.
Kleine Schritte raus
Gegen Einsamkeit hilft selten der große Befreiungsschlag. Besser wirken regelmäßige, kleine Kontakte, die sich mit der Zeit vertiefen:
- Ein fester Termin pro Woche. Ein Chor, eine Laufgruppe, ein Stammtisch. Hauptsache, du siehst dieselben Menschen regelmäßig. Ideen findest du unter Gruppen für queere Männer.
- Alte Kontakte wiederbeleben. Schreib zwei Menschen, von denen du lange nichts gehört hast. Die meisten freuen sich mehr, als du denkst.
- Selbst einladen. Zum Essen, zum Spaziergang, zum Film. Viele warten darauf, dass jemand den ersten Schritt macht.
- Ehrenamt. Bei einer Aidshilfe, beim CSD-Team, in einer queeren Senioren- oder Jugendgruppe. Du lernst Menschen kennen und hast gleich einen Grund, wiederzukommen.
Wann Einsamkeit Hilfe braucht
Lange Einsamkeit kann krank machen. Wenn du merkst, dass du dich über Wochen niedergeschlagen fühlst, morgens kaum aufstehen magst oder an nichts mehr Freude hast, ist das mehr als Einsamkeit. Dann solltest du mit deinem Hausarzt oder einer Psychotherapeutin sprechen. Eine erste Sprechstunde vermittelt die Terminservicestelle unter der 116 117.
Und wenn es dir akut sehr schlecht geht, kannst du die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 erreichen.
Du bist nicht der Einzige
Das Gemeine an Einsamkeit ist, dass sie sich so persönlich anfühlt. Als wäre man der Einzige, dem es so geht. In Wirklichkeit sitzen in deiner Stadt viele Männer, die sich genauso fühlen. Viele von ihnen würden sich freuen, wenn du den ersten Schritt machst. Das ist die vielleicht wichtigste Information in diesem Artikel.
Weiterlesen: Männer kennenlernen ab 40, ohne Apps und ohne Szene und Partnersuche mit 50 plus.
Häufige Fragen
Warum sind so viele schwule Männer einsam?
Gründe sind unter anderem Minderheitenstress, kleinere oder brüchige Familiennetze, eine Szene, die auf Jüngere und aufs Dating ausgerichtet ist, und Freundeskreise, die sich mit den Jahren verändern. Einsamkeit ist deshalb verbreitet und kein persönliches Versagen.
Was hilft gegen Einsamkeit ab 40?
Regelmäßige Kontakte mit denselben Menschen, etwa in Gruppen, Vereinen oder im Ehrenamt. Dazu helfen kleine Schritte wie alte Kontakte wiederzubeleben und selbst einzuladen. Große Einzelaktionen bringen meist weniger als viele kleine.
Sollte ich erst Freunde finden oder einen Partner?
Oft ist der Freundeskreis der bessere erste Schritt. Wer nicht einsam ist, geht entspannter ins Dating und setzt den anderen weniger unter Druck. Beides schließt sich aber nicht aus.
Wann sollte ich mir wegen Einsamkeit Hilfe holen?
Wenn du dich über Wochen niedergeschlagen fühlst, an nichts mehr Freude hast oder kaum noch aus dem Haus kommst. Dann ist ein Gespräch mit dem Hausarzt oder einer Psychotherapeutin sinnvoll. In akuten Krisen hilft die Telefonseelsorge rund um die Uhr.
Quellen
Kasprowski, D., Fischer, M., Chen, X., de Vries, L., Kroh, M., Kühne, S., Richter, D., & Zindel, Z. (2021). Geringere Chancen auf ein gesundes Leben für LGBTQI*-Menschen. DIW Wochenbericht, 88(6), 79–88. diw.de
Mehr zum Thema: Im Ratgeber Partnersuche ab 40 findest du alle Artikel für schwule Männer ab 40.


