Von Martin Schirmer, Psychologe M.Sc. · Zuletzt aktualisiert am 9. Oktober 2026
Eine Situationship ist kein Missverständnis. Sie ist eine Entscheidung, die nur einer der beiden getroffen hat, oder die beide aufschieben. Das klingt hart, trifft es aber meistens besser als die freundliche Erklärung, man lasse die Dinge eben „einfach laufen“.
Denn irgendwer lässt sie laufen. Und irgendwer läuft hinterher. Wenn du diesen Artikel liest, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass du eher der zweite bist.
Was eine Situationship ist
Der Begriff beschreibt eine Verbindung, die mehr ist als ein Flirt und weniger als eine Beziehung. Ihr trefft euch regelmäßig, schreibt euch, schlaft vielleicht miteinander, manchmal übernachtet er bei dir. Gleichzeitig ist nichts benannt. Es gibt keine Absprache über Exklusivität, keine gemeinsamen Pläne und kein „wir“.
Das ist nicht automatisch schlecht. Am Anfang jedes Kennenlernens gibt es eine Phase ohne Etikett. Zur Situationship wird es, wenn diese Phase nicht endet. Wenn nach Wochen oder Monaten alles noch genauso offen ist wie am ersten Abend und einer von beiden das Thema meidet.
Warum sie unter Männern so häufig ist
Unter schwulen Männern gibt es ein paar Bedingungen, die Situationships begünstigen. Dating-Apps liefern ständig neue Optionen, was das Festlegen schwerer macht. Viele Männer haben gelernt, Gefühle lieber nicht zu zeigen, und bleiben deshalb lieber im Ungefähren. Und in einem kleinen Umfeld, in dem man sich ohnehin wiedertrifft, wirkt eine klare Absage manchmal unangenehmer als ein offener Schwebezustand.
Dazu kommt, dass es für schwule Paare weniger feste Drehbücher gibt. Wann ist man zusammen? Muss man exklusiv sein? Das ist eine Freiheit, aber sie hat einen Preis: Wo es keine Selbstverständlichkeiten gibt, muss man mehr aussprechen. Wer das nicht tut, landet leicht in einem Zustand, den keiner von beiden so geplant hat.
Anzeichen einer Situationship
- Eure Treffen werden kurzfristig ausgemacht, selten mehr als ein paar Tage im Voraus.
- Du kennst seine Freunde nicht, oder nur zufällig.
- Wenn du über die Zukunft sprichst, wechselt er das Thema oder macht einen Witz.
- Er meldet sich vor allem abends oder am Wochenende.
- Du weißt nicht, ob er noch andere Männer trifft, und traust dich nicht zu fragen.
- Nach Treffen bist du oft eher unruhig als zufrieden.
Kein einzelnes Zeichen beweist etwas. Wenn mehrere davon über längere Zeit zutreffen, ist das Bild aber ziemlich eindeutig.
Was sie mit dir macht
Anstrengend an einer Situationship ist vor allem die fehlende Klarheit, weniger die fehlende Beziehung. Du interpretierst jede Nachricht, jede Pause, jede Geste. Ein schöner Abend gibt Hoffnung, drei Tage Funkstille nehmen sie wieder. Viele Männer beschreiben diesen Zustand als dauerndes Warten.
Dazu kommt, dass man sich selbst kleiner macht. Man fragt nicht nach, um ihn nicht zu verschrecken. Man tut entspannter, als man ist. Und man hält sich andere Möglichkeiten nicht offen, weil man ja eigentlich auf ihn hofft. So investiert man viel und bekommt wenig Sicherheit zurück.
Klären oder gehen
Der erste Schritt ist eine ehrliche Antwort an dich selbst: Was willst du? Nicht, was du gerade bereit wärst zu akzeptieren, sondern was du dir wünschst. Wenn die Antwort „eine Beziehung“ ist, dann ist eine Situationship auf Dauer nicht der richtige Ort für dich, egal wie gut sich einzelne Abende anfühlen.
Der zweite Schritt ist das Gespräch. Es muss kein großes Ultimatum sein. Ein einfacher Satz reicht: „Ich merke, dass ich mehr will als das hier. Wie siehst du das?“ Wie du dieses Gespräch ruhig und ohne Druck führst, steht im Artikel über das Gespräch über Exklusivität.
Dann kommt der schwierigste Teil: die Antwort ernst nehmen. Wenn er sagt, er wisse es nicht, ist das auch eine Antwort. Wer nach Monaten nicht weiß, ob er mit dir zusammen sein will, wird es mit großer Wahrscheinlichkeit auch nach weiteren Monaten nicht wissen. Du darfst dann gehen, ohne dass er etwas falsch gemacht haben muss.
Und wenn er sich nach so einem Gespräch zurückzieht oder gar nicht mehr meldet, hilft dir vielleicht der Artikel Warum meldet er sich nicht mehr?.
Häufige Fragen
Was ist eine Situationship?
Eine Verbindung mit Nähe, Treffen und oft Sex, aber ohne Klarheit darüber, ob es eine Beziehung ist oder werden soll. Typisch ist, dass das Thema über längere Zeit nicht angesprochen wird.
Wie lange darf die Phase ohne Etikett dauern?
Dafür gibt es keine feste Regel. Wenn du nach einigen Wochen regelmäßiger Treffen unsicher bist, woran du bist, ist es fair, nachzufragen.
Kann aus einer Situationship eine Beziehung werden?
Ja, das passiert. Meistens aber nur, wenn einer das Thema anspricht und beide dasselbe wollen. Von allein wird es selten klarer.
Wie beende ich eine Situationship?
Kurz und ehrlich, am besten persönlich oder in einer klaren Nachricht: Du willst mehr, als er geben kann, und ziehst dich deshalb zurück. Danach hilft es, den Kontakt eine Zeit lang zu reduzieren.
Mehr zum Thema: Im Ratgeber Männer kennenlernen findest du alle Artikel zur schwulen Partnersuche.


