Von Martin Schirmer, Psychologe M.Sc. · Zuletzt aktualisiert am 10. Oktober 2026
„Glückliche Paare streiten nicht.“ Das glauben viele, und es ist falsch. Glückliche Paare streiten auch, manchmal heftig. Der Unterschied liegt darin, wie sie streiten. Das hat der amerikanische Psychologe John Gottman über Jahrzehnte untersucht. Er hat Paare im Labor bei Konfliktgesprächen beobachtet und später geschaut, welche zusammengeblieben sind und welche nicht.
Aus diesen Beobachtungen stammt ein Modell, das in der Paarberatung weltweit genutzt wird: die vier apokalyptischen Reiter. Der Name klingt dramatisch, das Prinzip ist einfach. Vier Verhaltensweisen sagen besonders zuverlässig voraus, dass eine Beziehung Schaden nimmt.
Was Gottman über schwule Paare herausgefunden hat
Weniger bekannt ist, dass Gottman und sein Kollege Robert Levenson auch schwule und lesbische Paare über viele Jahre untersucht haben. Die Ergebnisse sind interessant (Gottman Institute):
- Die Beziehungszufriedenheit war bei schwulen, lesbischen und heterosexuellen Paaren ungefähr gleich.
- Gleichgeschlechtliche Paare brachten Konflikte häufiger mit Humor und Zuneigung zur Sprache.
- Sie zeigten weniger Feindseligkeit, Dominanz und Angst im Streit.
- Sie nahmen negative Bemerkungen des Partners seltener persönlich.
- Bei schwulen Männerpaaren fiel aber auch auf: Wenn derjenige, der einen Konflikt anspricht, zu negativ einsteigt, gelingt die Reparatur schlechter.
Der letzte Punkt ist wichtig. Er zeigt, dass gerade der Einstieg in ein schwieriges Gespräch bei Männerpaaren viel entscheidet.
Reiter 1: Kritik
Kritik ist nicht dasselbe wie eine Beschwerde. Eine Beschwerde bezieht sich auf ein Verhalten: „Du hast den Müll nicht rausgebracht.“ Kritik greift die Person an: „Du denkst einfach nie an andere.“ Typisch sind Wörter wie „immer“ und „nie“.
Gegenmittel: sanfter Einstieg. Sprich von dir und von einer konkreten Situation. „Mich nervt es, wenn der Müll stehen bleibt. Kannst du heute daran denken?“ Wie das genau geht, beschreibe ich in Bedürfnisse äußern.
Reiter 2: Verachtung
Verachtung ist der gefährlichste der vier Reiter. Sie zeigt sich in Spott, Sarkasmus, Augenrollen, abfälligen Bemerkungen. Sie sagt: Ich stehe über dir. Gottman hält sie für den stärksten Hinweis darauf, dass eine Beziehung zerbricht.
Gegenmittel: Wertschätzung. Verachtung wächst dort, wo man sich lange nur noch auf das Negative konzentriert. Dagegen hilft, bewusst wahrzunehmen und auszusprechen, was man am anderen schätzt, auch im Kleinen.
Reiter 3: Rechtfertigung
Wer sich angegriffen fühlt, verteidigt sich. Das ist menschlich. Wenn aber jede Beschwerde mit einer Gegenbeschwerde oder einer Ausrede beantwortet wird, kommt kein Gespräch zustande. „Ja, aber du hast letzte Woche auch …“
Gegenmittel: Verantwortung übernehmen. Auch wenn nur ein kleiner Teil stimmt, erkenne ihn an. „Stimmt, das habe ich vergessen.“ Das nimmt die Spannung raus.
Reiter 4: Mauern
Mauern heißt: abschalten, schweigen, wegschauen, den Raum verlassen. Oft passiert das, wenn jemand innerlich überflutet ist, der Puls hoch, der Kopf voll. Bei Männern kommt Mauern häufig vor, weil viele gelernt haben, Gefühle eher wegzudrücken als auszusprechen.
Gegenmittel: bewusste Pause. Statt wortlos zu gehen, eine Pause ankündigen: „Ich bin gerade zu aufgewühlt. Lass uns in einer halben Stunde weiterreden.“ In der Pause beruhigen, nicht weiter grübeln, wer recht hat. Und dann wirklich zurückkommen.
Fünf zu eins
Eine weitere bekannte Beobachtung Gottmans: In stabilen Beziehungen kommen auch im Streit auf eine negative Interaktion ungefähr fünf positive. Ein Lächeln, ein Nicken, ein „Ich verstehe“, eine Berührung. Negatives lässt sich nicht ganz vermeiden. Es kommt darauf an, genug Positives dagegenzusetzen.
Wenn ihr allein nicht weiterkommt
Wenn Verachtung bei euch zum Alltag gehört, wird ein Artikel nicht reichen. Dann ist Hilfe von außen sinnvoll, etwa eine Paartherapie für schwule Paare. Viele Paartherapeuten arbeiten mit Gottmans Methoden.
Weiterlesen: Soll ich mich trennen? und Eifersucht in der schwulen Beziehung.
Häufige Fragen
Was sind die vier apokalyptischen Reiter nach Gottman?
Kritik, Verachtung, Rechtfertigung und Mauern. John Gottman hat beobachtet, dass diese vier Verhaltensweisen in Konflikten besonders zuverlässig vorhersagen, dass eine Beziehung Schaden nimmt oder zerbricht.
Welcher Reiter ist am gefährlichsten?
Verachtung. Sie zeigt sich in Spott, Sarkasmus oder Augenrollen und vermittelt dem Partner, dass man auf ihn herabschaut. Gottman hält sie für den stärksten Hinweis auf eine Trennung.
Gilt das Gottman-Modell auch für schwule Paare?
Ja. Gottman hat auch gleichgeschlechtliche Paare untersucht. Sie führten Konflikte oft mit mehr Humor und weniger Feindseligkeit, die vier Reiter schaden aber auch ihnen. Bei Männerpaaren ist ein sanfter Einstieg in schwierige Gespräche besonders wichtig.
Was hilft gegen Mauern im Streit?
Eine angekündigte Pause statt wortlosem Rückzug. Wer merkt, dass er innerlich überflutet ist, sagt das, nimmt sich Zeit zum Beruhigen und kommt dann zum Gespräch zurück.
Quellen
Gottman, J. M., Levenson, R. W., et al. (2003). Observing gay, lesbian and heterosexual couples’ relationships: Mathematical modeling of conflict interaction. Journal of Homosexuality, 45(1), 65–91. gottman.com
Mehr zum Thema: Im Ratgeber Beziehung führen findest du alle Artikel rund um die schwule Partnerschaft.


