Du betrachtest gerade Paartherapie für schwule Paare: Wann sie hilft und wie ihr sie findet

Von Martin Schirmer, Psychologe M.Sc. · Zuletzt aktualisiert am 9. Oktober 2026

Der dritte Streit diese Woche, wieder über dasselbe. Wer hat die Wohnung aufgeräumt, wer hat den Abend mit Freunden abgesagt, wer hat wann was gesagt. Irgendwann sitzt ihr beide auf dem Sofa, jeder mit seinem Handy, und keiner sagt mehr etwas. Und irgendwann fällt der Satz: „Vielleicht sollten wir uns Hilfe holen.“

Viele Paare warten mit diesem Schritt viel zu lange. Paartherapie gilt immer noch als letzte Rettung, als Eingeständnis, dass man es allein nicht schafft. Ich sehe das anders. Wer sich Hilfe holt, nimmt seine Beziehung ernst.

Ich selbst biete keine Paartherapie an. Ich arbeite als Coach mit einzelnen Männern. Gerade deshalb ist mir wichtig, dass du weißt, wann eine Paartherapie der richtige Weg ist und wie ihr eine gute findet.

Wann eine Paartherapie sinnvoll ist

Es gibt keinen Mindestschaden, ab dem man sich Hilfe holen darf. Ein paar Situationen sprechen aber deutlich dafür:

  • Ihr streitet immer wieder über dieselben Themen, ohne dass sich etwas ändert.
  • Ein Vertrauensbruch steht im Raum, etwa Fremdgehen oder eine große Lüge.
  • Ihr redet kaum noch miteinander, nur noch über Organisatorisches.
  • Einer von euch denkt ernsthaft über Trennung nach.
  • Ein großes Thema blockiert euch: Kinderwunsch, Umzug, offene Beziehung, Geld.
  • Sex ist seit Langem kein Thema mehr, und einer leidet darunter.

Ein guter Moment ist auch, wenn noch gar nichts kaputt ist, ihr aber merkt, dass ihr in eine Richtung driftet, die euch nicht gefällt. Dann ist die Arbeit oft kürzer und leichter.

Therapie, Beratung, Coaching: der Unterschied

AngebotWas es istKosten
PaartherapieBei Psychotherapeuten mit Zusatzausbildung, oft bei tieferen Konflikten oder wenn psychische Belastungen dazukommenmeist privat zu zahlen, etwa 80 bis 160 € pro Sitzung
PaarberatungBei Beratungsstellen, etwa von Kirchen, Wohlfahrtsverbänden oder Kommunenoft kostenlos oder gegen Spende, teils mit Wartezeit
CoachingArbeit an konkreten Zielen, meist mit einer Person, nicht mit dem Paarprivat zu zahlen

Für viele Paare ist eine Beratungsstelle ein guter Einstieg. Hauptsache, ihr fühlt euch dort als Männerpaar wohl. Das ist nicht überall selbstverständlich.

Queersensibel: worauf ihr achten solltet

Ein Therapeut muss nicht selbst schwul sein, um euch gut zu begleiten. Er sollte aber eure Lebenswelt kennen und nicht erst erklärt bekommen müssen, was eine offene Beziehung ist oder warum das Coming-out bei der Familie noch nachwirkt. Ein paar Fragen helfen im ersten Kontakt:

Achtet auch auf euer Bauchgefühl. Wenn einer von euch nach der ersten Sitzung sagt, dass er sich nicht gesehen fühlt, ist ein Wechsel völlig legitim.

Kosten und Krankenkasse

Paartherapie wird von den gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland in der Regel nicht übernommen. Eine Sitzung kostet je nach Praxis und Region meist zwischen 80 und 160 Euro, eine Therapie umfasst oft 8 bis 18 Sitzungen. Das ist viel Geld. Ein paar Wege, die Kosten zu senken:

  • Beratungsstellen von Kirchen, Diakonie, Caritas oder Kommunen fragen. Sie sind oft kostenlos oder kosten wenig, auch für nicht-religiöse und schwule Paare.
  • Bei Privatpraxen nach einkommensabhängigen Honoraren fragen.
  • Wenn einer von euch psychisch erkrankt ist, etwa an einer Depression, kann eine Einzeltherapie von der Kasse übernommen werden. Paargespräche sind dort teils möglich.

Das erste Gespräch

Im ersten Gespräch geht es meistens darum, dass beide ihre Sicht schildern können. Ihr müsst euch nicht vorbereiten, aber es hilft, wenn jeder für sich weiß, was er sich von der Therapie erhofft. Rechnet damit, dass es emotional wird. Meist zeigt das nur, dass ihr an etwas Wichtigem arbeitet.

Was in der Paartherapie häufig vorkommt, sind Methoden aus der Forschung von John Gottman. Er hat unter anderem schwule und lesbische Paare beobachtet und festgestellt, dass sie Konflikte oft mit mehr Humor und weniger Feindseligkeit führen als heterosexuelle Paare (Gottman Institute). Eine gute Ausgangslage, auf die man aufbauen kann.

Wenn nur einer will

Eine Paartherapie funktioniert am besten, wenn beide wollen. Wenn dein Partner nicht mitkommt, kannst du trotzdem etwas tun. Eine Einzelberatung oder ein Coaching kann dir helfen zu klären, was du selbst willst und was du verändern kannst. Manchmal verändert sich die Beziehung schon dadurch, dass einer sein Verhalten ändert.

Hilfe holen ist kein Scheitern

Viele Paare, die eine Therapie machen, sagen hinterher, dass sie früher hätten kommen sollen. Nicht weil alles gerettet wurde, sondern weil sie endlich wieder miteinander reden konnten. Egal wie es am Ende ausgeht: Klarheit ist besser als jahrelanger Stillstand.

Weiterlesen: Eifersucht in der schwulen Beziehung und Nach dem Fremdgehen: Kann Vertrauen wieder wachsen?.

Häufige Fragen

Was kostet eine Paartherapie?

Bei privaten Praxen meist zwischen 80 und 160 Euro pro Sitzung. Eine Therapie umfasst oft 8 bis 18 Sitzungen. Beratungsstellen von Kirchen, Wohlfahrtsverbänden oder Kommunen sind häufig deutlich günstiger oder kostenlos.

Zahlt die Krankenkasse eine Paartherapie?

Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen Paartherapie in der Regel nicht. Wenn einer von euch psychisch erkrankt ist, kann eine Einzeltherapie übernommen werden. Fragt im Zweifel direkt bei eurer Kasse nach.

Wie finde ich eine queersensible Paartherapie?

Fragt im ersten Kontakt direkt nach Erfahrung mit schwulen Paaren. Queere Beratungsstellen in eurer Stadt kennen oft passende Adressen. Und achtet nach der ersten Sitzung darauf, ob ihr euch beide gesehen fühlt.

Lohnt sich eine Paartherapie noch, wenn einer schon gehen will?

Manchmal ja. Auch wenn es am Ende zur Trennung kommt, kann eine Therapie helfen, sie fair und ohne Rosenkrieg zu gestalten. Dafür müssen beide ehrlich sagen, wo sie stehen.

Quellen

Gottman, J. M., Levenson, R. W., et al. (2003). Observing gay, lesbian and heterosexual couples’ relationships: Mathematical modeling of conflict interaction. Journal of Homosexuality, 45(1), 65–91. gottman.com

Martin Schirmer

Martin Schirmer ist Psychologe (M.Sc.) und Gründer von „Mann liebt Mann“. Seit über 5 Jahren beschäftigt er sich mit Dating und Beziehungen im queeren Kontext und coacht schwule und bisexuelle Männer bei der Partnersuche. Er ist Mitglied im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP), im Deutschsprachigen Dachverband für Positive Psychologie (DACH-PP) und im ColognePride e.V., dem Veranstalter des CSD Köln.

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