Von Martin Schirmer, Psychologe M.Sc. · Zuletzt aktualisiert am 11. Oktober 2026
56 Prozent sicher, 25 Prozent vermeidend, 19 Prozent ängstlich. So verteilten sich die Teilnehmer in einer der ersten Studien, die Bindungsstile bei Erwachsenen in Liebesbeziehungen untersucht hat. Die Psychologen Cindy Hazan und Phillip Shaver hatten 1987 eine Zeitungsumfrage ausgewertet und festgestellt, dass sich die Muster aus der Kinderforschung auch in Partnerschaften wiederfinden (Hazan & Shaver, 1987).
Seitdem ist das Modell der Bindungstypen eines der bekanntesten der Beziehungspsychologie. Es wird manchmal zu sehr vereinfacht, etwa wenn jemand nach einem Online-Test sagt: „Ich bin halt vermeidend.“ Richtig verstanden kann es aber helfen, sich selbst und den Partner besser zu verstehen.
Das Modell in einfachen Worten
Die Grundidee stammt aus der Forschung mit Kindern: Je nachdem, wie verlässlich Bezugspersonen auf ein Kind eingehen, lernt es, ob Nähe sicher ist und ob es sich auf andere verlassen kann. Diese frühen Erfahrungen prägen, wie wir später in engen Beziehungen fühlen und handeln, besonders unter Stress.
| Stil | Typisches Erleben | Typisches Verhalten |
|---|---|---|
| Sicher | Nähe fühlt sich gut an, Distanz ist aushaltbar | Kann um Unterstützung bitten und sie geben, spricht Konflikte an |
| Ängstlich | Sorge, nicht genug geliebt oder verlassen zu werden | Sucht viel Bestätigung, reagiert stark auf Distanz, klammert eher |
| Vermeidend | Zu viel Nähe fühlt sich eng an, Unabhängigkeit ist wichtig | Zieht sich zurück, wenn es emotional wird, redet ungern über Gefühle |
| Desorganisiert | Wunsch nach Nähe und Angst davor gleichzeitig | Wechselt zwischen Klammern und Rückzug, oft nach belastenden Erfahrungen |
Wichtig: Das sind Tendenzen, keine Schubladen. Die meisten Menschen haben Anteile von mehreren Stilen, und je nach Partner kann sich das Verhalten unterscheiden.
Was das für schwule Männer bedeutet
Viele schwule Männer haben in ihrer Jugend erlebt, dass ein wichtiger Teil von ihnen nicht willkommen war, oder sie haben es befürchtet. Wer gelernt hat, seine Gefühle zu verstecken, um dazuzugehören, entwickelt nicht selten einen eher vermeidenden oder ängstlichen Umgang mit Nähe. Das ist keine Diagnose, aber ein Zusammenhang, den viele in sich wiedererkennen.
Dazu kommt das Dating-Umfeld. Apps mit endloser Auswahl können ängstliche Muster verstärken, weil man ständig vergleicht und Bestätigung sucht. Und sie bieten vermeidenden Menschen einen bequemen Weg, Nähe zu umgehen, indem man einfach zum nächsten wischt.
Wenn zwei Stile aufeinandertreffen
Besonders häufig und besonders anstrengend ist die Kombination aus ängstlich und vermeidend. Der eine sucht Nähe, der andere fühlt sich bedrängt und zieht sich zurück. Darauf reagiert der Erste mit noch mehr Nähe-Suche, und der Zweite mit noch mehr Rückzug. Ein Kreislauf, in dem beide sich unverstanden fühlen.
Wer diesen Kreislauf erkennt, kann ihn durchbrechen. Der ängstliche Partner lernt, seine Unsicherheit anzusprechen, statt mit Druck zu reagieren. Der vermeidende Partner lernt, eine Pause anzukündigen, statt einfach zu verschwinden. Das klingt einfach, braucht aber Übung.
Kann sich der Bindungsstil ändern?
Ja. Bindungsstile sind relativ stabil, aber nicht festgeschrieben. Sie können sich durch gute Beziehungserfahrungen verändern, etwa durch einen Partner, der verlässlich bleibt, auch wenn man ihn testet. Auch Therapie oder Coaching können helfen, alte Muster zu erkennen und neue auszuprobieren. Forscher sprechen von „erworbener Sicherheit“.
Was dabei hilft: die eigenen Muster benennen, statt sie zu rechtfertigen. Kleine Schritte wagen, die sich unsicher anfühlen. Und Partner wählen, die selbst eher sicher sind, statt immer wieder diejenigen, die das alte Muster bestätigen.
Ein Modell, kein Urteil
Bindungstypen sind ein Werkzeug zum Verstehen, keine Ausrede. „Ich bin halt vermeidend“ erklärt ein Verhalten, entschuldigt es aber nicht. Wer seinen Stil kennt, hat eine Verantwortung mehr: zu sehen, was er bei anderen auslöst, und daran zu arbeiten.
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Häufige Fragen
Welche Bindungstypen gibt es?
Meist unterscheidet man sicher, ängstlich und vermeidend, oft ergänzt um einen desorganisierten Stil. Sie beschreiben, wie jemand in engen Beziehungen mit Nähe, Distanz und Unsicherheit umgeht.
Wie finde ich meinen Bindungstyp heraus?
Ein erster Hinweis ist, wie du unter Stress in Beziehungen reagierst: mit Klammern oder mit Rückzug. Kurze Tests geben eine Tendenz, ersetzen aber keine genaue Einschätzung durch eine Fachperson.
Kann man seinen Bindungsstil ändern?
Ja. Bindungsstile sind relativ stabil, können sich aber durch verlässliche Beziehungserfahrungen, Therapie oder gezielte Arbeit an den eigenen Mustern verändern. Man spricht dann von erworbener Sicherheit.
Passen ängstlich und vermeidend zusammen?
Diese Kombination ist häufig und oft anstrengend, weil sich die Muster gegenseitig verstärken. Sie kann aber funktionieren, wenn beide ihren Anteil erkennen und bewusst daran arbeiten.
Quellen
Hazan, C., & Shaver, P. (1987). Romantic love conceptualized as an attachment process. Journal of Personality and Social Psychology, 52(3), 511–524. https://doi.org/10.1037/0022-3514.52.3.511
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