Du betrachtest gerade Früher mit einer Frau verheiratet, jetzt auf der Suche nach einem Mann

Von Martin Schirmer, Psychologe M.Sc. · Zuletzt aktualisiert am 22. September 2026

Ihr wart viele Jahre zusammen, vielleicht verheiratet, vielleicht habt ihr Kinder. Du hast sie geliebt, auf deine Weise, und trotzdem war da immer etwas, das nicht gepasst hat. Irgendwann ließ es sich nicht mehr wegschieben.

Männer, die nach einer Ehe mit einer Frau ein Leben mit Männern beginnen, stehen vor ganz eigenen Fragen. Die meisten davon haben mit dem Dating selbst erst mal wenig zu tun.

Die Trennung ist oft kompliziert

Eine Trennung tut immer weh. Wenn der Grund aber ist, dass du schwul oder bi bist, kommen oft Schuldgefühle dazu. Du hast das Gefühl, deiner Frau etwas genommen zu haben, vielleicht sogar Jahre ihres Lebens. Sie ist verletzt, vielleicht wütend, und das ist verständlich.

Diese Schuld solltest du ernst nehmen, sie darf aber nicht dein ganzes weiteres Leben bestimmen. Du hast damals mit dem Wissen und dem Mut gehandelt, die du hattest. Viele Männer kommen erst durch Gespräche mit einem Therapeuten oder Coach an den Punkt, an dem sie sich das selbst verzeihen können.

Wenn Kinder im Spiel sind

Mit Kindern wird alles noch ein bisschen komplizierter. Wann sagt man es ihnen, und wie? Wie werden sie reagieren? Und was, wenn die Ex-Frau nicht will, dass die Kinder davon erfahren?

Allgemeine Antworten gibt es darauf nicht, weil das Alter der Kinder und die Situation in der Familie eine große Rolle spielen. Eines gilt aber fast immer. Kinder kommen mit einem schwulen Vater meist besser klar als mit Heimlichkeiten und Spannungen, die sie spüren, aber nicht verstehen. In vielen Städten gibt es Gruppen für schwule Väter. Dort triffst du Männer, die genau das schon hinter sich haben, und das hilft oft mehr als jeder Ratgeber.

Beim Date offen, aber mit Maß

Viele Männer fragen mich, ob sie beim ersten Date sofort erzählen sollen, dass sie verheiratet waren. Ich finde, es gehört dazu, aber nicht als Erstes und nicht als Beichte. Wenn ihr auf das Thema Beziehungen kommt, kannst du ganz sachlich sagen, dass du lange mit einer Frau zusammen warst und erst seit einiger Zeit offen schwul lebst.

Die meisten schwulen Männer reagieren darauf entspannter, als du denkst. Einige werden trotzdem vorsichtig sein. Das hat meistens einen Grund. Sie haben Männer erlebt, die sich nach ein paar Wochen wieder zurückgezogen haben, weil sie mit ihrem neuen Leben doch nicht klarkamen. Du kannst diese Sorge entkräften, indem du klar zeigst, wo du stehst.

Und wenn du noch verheiratet bist oder gerade erst in der Trennung steckst, sei ehrlich. Nichts schadet einem Neuanfang so sehr wie eine Geschichte, die sich später als nicht ganz wahr herausstellt.

Die Szene ist erst mal fremd

Nach vielen Jahren in einer heterosexuellen Beziehung ist die schwule Szene erst mal fremd. Andere Codes, andere Orte, andere Gepflogenheiten beim Dating. Manche Männer tauchen dann sehr schnell sehr tief ein, weil sie das Gefühl haben, etwas nachholen zu müssen. Das kann eine befreiende Zeit sein, bringt dich aber nicht unbedingt näher an eine Beziehung.

Wenn du einen Partner suchst, knüpf zuerst Kontakte und Freundschaften. Ein schwuler Freundeskreis gibt dir Halt und Orientierung, gerade wenn sich der alte Freundeskreis nach der Trennung neu sortiert.

Zwei Männer umarmen sich vor einer orangefarbenen Wand

Die alte Rolle ablegen

In einer langen Ehe mit einer Frau hast du oft eine bestimmte Rolle eingenommen, als Ehemann, vielleicht als Versorger, als Vater. In einer Beziehung mit einem Mann ist viel weniger festgelegt. Wer kocht, wer plant den Urlaub, wer meldet sich zuerst? Das müsst ihr miteinander aushandeln, und das kann sich am Anfang ungewohnt anfühlen.

Viele Männer erleben genau das als große Erleichterung. Endlich eine Beziehung, in der sie nicht nur funktionieren müssen und so sein dürfen, wie sie sind.

Mehr zum späten Coming-out allgemein findest du in diesem Artikel.

Martin Schirmer

Martin Schirmer ist Psychologe (M.Sc.) und Gründer von „Mann liebt Mann“. Seit über 5 Jahren beschäftigt er sich mit Dating und Beziehungen im queeren Kontext und coacht schwule und bisexuelle Männer bei der Partnersuche. Er ist Mitglied im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP), im Deutschsprachigen Dachverband für Positive Psychologie (DACH-PP) und im ColognePride e.V., dem Veranstalter des CSD Köln.

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