Hinter jedem Coaching steht ein Mann mit seiner eigenen Geschichte. Zwei davon erzähle ich hier: wo sie standen, was wir gemacht haben und wo sie heute sind. Namen und Details sind geändert, die Zitate sinngemäß wiedergegeben.

Tobias, 34: „Sobald es ernst wurde, wollte ich raus.“
Ausgangslage
Tobias hatte nie Probleme, Männer kennenzulernen. Eine längere Beziehung hatte er trotzdem nie. Es lief immer gleich ab: Die ersten Wochen waren aufregend, er war verliebt, alles fühlte sich leicht an. Nach ein paar Monaten kippte es. Er fühlte sich eingeengt, fand plötzlich Kleinigkeiten unerträglich und beendete die Beziehung, meistens per Nachricht und ohne richtig zu erklären, warum.
„Ich dachte lange, ich hätte einfach noch nicht den Richtigen getroffen. Irgendwann habe ich gemerkt: Das Problem bin nicht ich mit den Falschen, sondern ich, sobald es ernst wird.“
Als er sich bei mir meldete, hatte er gerade seine dritte Beziehung nach etwa vier Monaten beendet und den Mann, von dem er sich getrennt hatte, schon eine Woche später vermisst. Er wollte eine feste Beziehung, aber sein Rückzugsreflex war jedes Mal schneller.
Was wir gemacht haben
Zuerst haben wir sein Muster genau angeschaut: Wann taucht das Gefühl von Enge auf, woran merkt er es im Körper, und was denkt er in dem Moment? Dabei wurde klar, dass hinter dem Gefühl, eingeengt zu werden, Bindungsangst steckt: die Sorge, sich selbst zu verlieren, wenn er sich wirklich auf jemanden einlässt. Dieses Gefühl kannte er schon aus seiner Familie.
In Monat zwei und drei ging es darum, Nähe und Freiraum aktiv zu gestalten, statt vor der Nähe zu fliehen. Tobias hat gelernt, früh zu sagen, was er braucht, zum Beispiel einen festen Abend pro Woche nur für sich, statt so lange zu schweigen, bis nur noch die Trennung als Ausweg bleibt. Wir haben geübt, wie er das Gefühl von Enge anspricht, ohne gleich alles in Frage zu stellen.
Leicht war das nicht. In Monat vier, mitten in einer neuen Kennenlernphase, kam das bekannte Gefühl zurück, und er hatte die Trennungsnachricht schon getippt. Diesmal hat er sie nicht abgeschickt, sondern mich angeschrieben und am nächsten Tag mit dem anderen geredet. Das war der Wendepunkt.
Wo er heute steht
Tobias ist seit neun Monaten mit Kai zusammen, länger als je zuvor. Das Gefühl von Enge kommt manchmal noch, aber es entscheidet nicht mehr für ihn. Wenn es auftaucht, sagt er es Kai, und die beiden finden eine Lösung.
„Früher bin ich gegangen, bevor es wehtun konnte. Heute bleibe ich und rede. Das ist unbequemer, aber es ist das erste Mal, dass ich mir eine Zukunft mit jemandem vorstellen kann.“

Stefan, 46: „Mit 44 fängt man nicht nochmal bei null an. Dachte ich.“
Ausgangslage
Stefan war 17 Jahre mit einer Frau verheiratet, die beiden haben zwei Kinder. Vor zwei Jahren hat er sich geoutet, erst vor sich selbst, dann vor seiner Familie. Die Trennung verlief fair, aber danach stand er vor einer Welt, die er nicht kannte.
„Ich hatte das Gefühl, alle anderen haben mit zwanzig gelernt, wie das geht. Und ich stehe mit Mitte vierzig da wie ein Teenager.“
Seine einzigen Kontakte zu anderen schwulen Männern liefen über Apps. Die Chats blieben oberflächlich, und die wenigen Dates fühlten sich für ihn fremd an. In eine Bar oder auf eine queere Veranstaltung hatte er sich noch nie getraut: Er wusste nicht, wie man sich dort verhält, und hatte Angst, als „der Neue“ aufzufallen.
Was wir gemacht haben
Zuerst haben wir uns angeschaut, was ihn zurückhält. Dahinter stand die Angst, wieder etwas vorzuspielen, so wie er es jahrelang getan hatte. Parallel haben wir geübt, wie er über seine Kinder und seine Vergangenheit spricht, ohne sich zu rechtfertigen.
Dann sind wir gemeinsam rausgegangen, dorthin, wo viele queere Männer sind. Wir waren zusammen auf dem CSD in Stuttgart, auf einer queeren Party und an zwei Abenden in Bars der Szene. Vorher haben wir besprochen, wie er Gespräche anfängt und wie er wieder rauskommt, wenn er nicht weiter reden möchte. Danach haben wir ausgewertet, was gut lief. Beim ersten Mal stand er noch die meiste Zeit am Rand. Beim dritten Mal hat er von sich aus einen Mann angesprochen und mit ihm Nummern getauscht.
Schwierig war der Moment, als seine Tochter von einem Date erfuhr, bevor er es ihr selbst erzählen konnte. Das hat ihn zurückgeworfen. Wir haben uns Zeit genommen, das zu sortieren, statt einfach weiterzumachen.
Wo er heute steht
Stefan geht heute auch allein aus und hat einen Freundeskreis in der Szene gefunden. Seit vier Monaten trifft er sich mit Michael, den er auf einer Party kennengelernt hat. Michael hat die Kinder inzwischen kennengelernt.
„Ich habe nicht nochmal bei null angefangen. Ich habe angefangen, als ich selbst. Und dass Martin beim ersten Mal einfach mitgekommen ist, hat mir die größte Hürde genommen.“
Namen, Orte und einzelne Details wurden geändert, damit niemand erkennbar ist. Die Zitate geben sinngemäß wieder, was die beiden gesagt haben. Die Fotos sind Symbolbilder und zeigen nicht die beschriebenen Personen.
Erkennst du dich wieder?
Im kostenlosen Erstgespräch schauen wir, wo du stehst und ob ich dich begleiten kann.

